Jüdisches Leben im Deutschen Reich 1933-1945

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Jüdisches Leben im Deutschen Reich 1933-1945

Ab 01.April 1933 mit der Machtübernahme Adolf Hitlers, testeten die Nationalsozialisten mit einem Reichs weiten Boykott jüdischer Geschäfte, wie das Ausland auf diese rassistische und Menschen verachtende Aktion reagieren würde. Beamte verloren ihren Arbeitsplatz, jüdischen Ärzten und Rechtsanwälten wurde die Zulassung entzogen, Künstler aus dem Reichs Kulturamt ausgeschlossen.(siehe auch in Lesum die Familie Bromberger und in Burgdamm die Familie Goldberg, Sinasohn in Platjenwerbe)

In einem Bericht des Osterholzer Kreisblatt vom 01.04.1933 wird berichtet, dass SA-Männer vor den jüdischen Geschäften standen und vor dem Einkauf bei Juden warnten. Ein Trupp SA durchzog den Ort mit einem Plakat zum Boykott.

Auf einer Vorstandssitzung des Turnvereins „Frisch auf“ wurde am 08.06.1933 die Gleichschaltung des Vereins beraten.Das bedeutete, der Vorstand muss zur Hälfte aus Nationalsozialisten bestehen. Nichtarier wurden zum Austritt aus dem Verein genötigt. Für Juden bedeutete das, sie wurden geächtet, verdrängt aus der Öffentlichkeit und am Ende stand fast die völlige Isolation.

Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 begann der offene Antisemitismus. Nun bot sich juristische Handhabe, um Juden straffrei diskriminieren und verfolgen zu können.

Auch auf die Ritterhuder Juden wirkte sich der Boykott aus.

Anfang 1938 musste Hartoc Isaak ter Berg sein Geschäft an einen „arischen“ Geschäftsmann verkaufen.

Der Schlachter Jacob Simon musste seine Schlachterei verpachten, er wurde mit „Kultivierungsarbeiten“ beschäftigt.

Der Schlachtermeister Cohen hatte sein Geschäft schon vor 1938 aufgegeben. Er fuhr nach Bremen zur Arbeit.

In der Nacht vom 09. zum 10.November brannten jüdische Synagogen in ganz Deutschland. Angehörige von Sturmabteilung(SA) und Schutzstaffel(SS) zertrümmerten die Schaufenster jüdischer Geschäfte, demolierten die Wohnungen und misshandelten ihre Bewohner.

Die Weisung zu dem Progrom war von München ausgegangen, als Vorwand diente die Ermordung des deutschen Botschafters in Paris, Ernst von Rath, durch den erst 17 jährigen Herrschel Grynspan. Der in München weilende Führer der SA-Gruppe „Nordsee“, Bürgermeister von Bremen, Heinrich Böhmcker, forderte die SA seines Bereiches per Telefon zu Vergeltungsmaßnahmen auf.(siehe Tötung am 18.11.1938 in Platjenwerbe Sinasohn und in Burgdamm Familie Goldberg)

In dieser Nacht vom 09.auf den 10.November, der sog. „Reichskristallnacht“ November-

progrom , verhaftete Fritz Köster, damaliger Bürgermeister aus Lesum die Familie ter Berg

aus Ritterhude. Der Befehl lautete, die Familie auf ein freies Feld zu führen und dort zu

erschießen. Köster und sein Truppführer führten die Familie in die Wiesen des Sankt

Jürgen Landes. Sie ließen die ter Bergs jedoch nach Abgabe eines Schreckschusses

laufen.

Fritz Köster ist nicht verwandt mit in Ritterhude lebenden Kösters.

Auch die zwei anderen jüdischen Familien Cohen und Simon aus Ritterhude wurden in dieser Nacht zum 10.November 1938 von SA -Männern abgeholt. Der Schlachtermeister Cohen war ohne Kopfbedeckung und Jacke in Pantoffeln, es wurde ihm nicht die Zeit gelassen, sich anzukleiden.

Eine Frau aus Ritterhude sah die Rückkehr: „Ich erinnere mich sehr gut, so etwas kann man nicht vergessen. Mit einer Bekannten stand ich an der Ecke bei Rex (Dammgut). Da sahen wir sie die Dammstraße her aus den Wiesen kommen. Männer, Frauen und Kinder in Nachthemden, barfuß, die Haare strähnig und nass. 5 bis 6 Juden aus den Familien Cohen und Simon, von ter Bergs habe ich niemanden gesehen. Und hinterher die Leute mit Swippeitschen, die sie durch die Gräben getrieben hatten.“

Dem Juden Hartoc Isaac ter Berg war es gelungen, aus den Wiesen zu flüchten. Er wurde von dem Zigarrenmacher Kuhlmann aufgenommen und im Schrank versteckt. Die SA malte darauf bei Kuhlmann nachts die Fenster blau an und brachte Schilder mit der Aufschrift an

-Hier wohnt ein Judenknecht-.

Auch Frau Paula ter Berg fand eine mitleidige Seele, die ihr erst einmal Kaffee kochte, als sie aus den Wiesen zurück kam. Paula ter Berg war bis zu den Hüften nass und verdreckt.“(Ritterhuder Hefte Nr.11, Dokumentation erinnern,mahnen,lernen,1988 Vergesst es nie und seid wachsam!)

Paula ter Berg wurde später heimlich durch die Gärten in die Arztpraxis Caselitz gebracht wo ihre Wunden ärztlich versorgt wurden.

Kurze Zeit darauf wurde die Familie ter Berg in das Gefängnis in Lesum gebracht. Danach wurden sie wie die meisten Juden in ein sog. Judenhaus in Bremen,  gebracht, um dann am 18.November 1941 nach Minsk deportiert zu werden.

Die Familien Cohen und Simon wohnten vorerst weiter in ihren Häusern.

 

Die Häuser von den Familien Simon und Cohen wurden nach der Deportation der Besitzer nach Minsk am 18.11.1938 von der Reichsfinanzverwaltung übernommen.

Unter den vom Bremer Hauptbahnhof nach Minsk deportierten 570 Juden waren die drei Ritterhuder Familien: ter Berg, Simon und Cohen. Mit ihnen waren einige ihrer engsten Verwandten aus Bremen und Stade. (siehe Genealogische Daten)

440 Juden kamen aus Bremen und 130 aus dem Regierungsbezirk Stade. Der Zug verließ morgens um 8.40 Uhr die Stadt Bremen in Richtung Hamburg. Als Sammelunterkunft dienten zuvor Schulhof und Turnhalle des Gymnasiums am Barkhof. Die Zahl der Deportierten wird in einem Schreiben vom 12.01.1942 der Staatspolizei an den regierenden Bürgermeister genannt und nach Altersgruppen und Berufen aufgeschlüsselt.(StadtA BremenNr.218) Leo Baeck-Institut

In Minsk, wo Wilhelm Kube als Reichskommissar für Weißruthenien eine Schreckensherrschaft aufgerichtet hatte, wurden die Deportierten zumeist „durch Arbeit“ vernichtet.

 

In Minsk-Stadt sind am 28.und 29.Juli 1942 rund 10.000 Juden liquidiert worden, davon 6.500 russische Juden-überwiegend Alte, Frauen und Kinder. Der Rest bestand aus nicht einsatzfähigen Juden, die  überwiegend  aus Wien,  Brünn, Bremen und Berlin  im November des vorigen Jahres nach Minsk auf Befehl des Führers  geschickt worden sind. (Martin Gilbert:Endlösung Reinbek 1982 S.80)

Von Bremen aus begann noch vor der Einrichtung der Gaskammern und noch vor der Wannseekonferenz vom 20.Januar 1942 die Deportation „in den Osten“ zur „Vernichtung durch Arbeit“.

Weitere Deportationen folgten nach Ausschwitz Sobibor Theresienstadt Riga Sachsenhausen

Treblinka

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