Albert Reiners-Eine Biografie des 20.Jahrhunderts

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Albert Reiners in seinem Büro im Rathaus in Worpswede um 1983  Foto: Erwin Duve/Lilienthal

Bäckerei Georg Reiners u. NSDAP Stützpunkt Worpswede 1936

Albert Reiners war von 1968 bis 1986 Bürgermeister der Gemeinde Worpswede. Er war beliebt, aber nicht nur in dieser Funktion, denn darüber hinaus engagierte er sich ehrenamtlich in vielen Vereinen und Verbänden, allen voran in der Feuerwehr. Und er war von 1968 bis 1972 Landrat des Kreises Osterholz. Doch ein Schatten liegt auf seiner Biogra-fie: die Mitgliedschaft in der SA und der NSDAP in den 1930er Jahren. Insofern steht sein Lebensweg – wie viele andere – exemplarisch für das 20. Jahrhundert.Am 20. April des Jahres 1910 wurde Albert Reiners in Worpswede geboren. Hier wuchs er gemeinsam mit seiner Schwester Gesine behütet auf. Worpswede sollte sein Lebensmittelpunkt bleiben. Nach dem Besuch der Volks-schule begann er mit 14 Jahren eine Bäckerlehre bei seinem Vater Georg an der Kirchenstraße 46, der als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte. Mitte und Ende der 1920er Jahre wurde der junge Albert bereits Mitglied in einschlägigen Vereinen des Dorfes. So im Schützenverein, in der Freiwilligen Feuerwehr und im Turnverein.

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 und den Wahlen am 5. März desselben Jahres, bei denen die Regierung Hitlers bestätigt wurde, begann eine neue Zeit-rechnung in Deutschland. Albert Reiners war am 1. März dieses Jahres dem Stahlhelm, Ortsgruppe Worpswede beigetreten. Im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung wurde er noch im selben Jahr Mitglied der Sturmabteilung (SA), denn am 21. Juni 1933 wurde der Stahlhelm reichsweit gezwungen, sich der SA zu unterstellen. Anfänglich übernahm Albert Reiners in Worpswede die Funktion eines Truppführers, später die Funktion eines Obertruppführers. Es gibt Zeugnisse für seine aktive Mitarbeit in der SA. So nahm er unter anderem an Schulungen auf Schloss Etelsen in der Nähe von Verden teil. Die SA-Gruppe Nordsee hatte 1937 den Bau im historisierenden Stil erworben und bis Kriegsende für Schulungszwecke genutzt. Auch der Worpsweder Sturm gehörte über die Standarte 411 in Wesermünde, der er direkt unterstellt war, zur Gruppe Nordsee. Notizbücher von Albert Reiners aus dieser Zeit bewahrt das Ortsarchiv Worpswede auf. Reiners‘ Mitschriften dokumentieren, wie das Infiltrieren von nationalsozialistischem Gedankengut funktioniert haben muss. Inwieweit er sich letztlich von der rassistischen, antisemitischen und antidemokratischen Ideologie vereinnahmen ließ, ist anhand der Quellen nicht nachweisbar. Einige seiner Aktivitäten innerhalb des örtlichen SA-Sturms hatte die gleichgeschaltete Wümme-Zeitung ab Mitte der 1930er Jahre dokumentiert. Da geht es vor allem um Propaganda- und Wehrsportveranstaltungen oder Kameradschaftsabende. Mit ihrem exzessiven Terror bestimmte die SA den gesellschaftlichen Alltag insbesondere in der Frühphase der Naziherrschaft, also nach Machtergreifung und Gleichschaltung. Ihre Entmachtung im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches Ende Juni 1934 ging bereits mit einem erheblichen Prestigeverlust einher. So schlug sie in den folgenden Jahren eine eher „harmlose“ Linie ein. Doch brach ihr Gewaltpotential während des Pogroms vom 9. auf den 10. November 1938 eruptiv wieder hervor. In dieser Nacht fanden auch im Großkreis Osterholz (von 1932 bis 1939 gab es den Großkreis Osterholz, der den Kreis Osterholz mit dem Kreis Blumenthal vereinte) gewalttätige Ausschreitungen gegenüber jüdischen Bürgern und ihren Geschäften statt, für die der Lesumer SA-Obersturmhauptführer Köster verantwortlich war, der vom Standort der Standarte 411 in Wesermünde die Anweisung erhielt, dass die Juden zu „vernichten“ seien. So kamen die drei Lesumer SA-Stürme in dieser Nacht im Großkreis Osterholz zum Einsatz. In Platjenwerbe wurde der 67-jährige Monteur Leopold Sinasohn Opfer dieser entfesselten Hatz. Ob beziehungsweise inwieweit die SA-Stürme aus Worpswede und Umgebung in dieser Nacht zum Einsatz kamen, ist

anscheinend noch nicht dokumentiert worden. Bislang fanden sich dazu keine Quellen. Was vermutlich auch schwierig sein wird, denn diese Dokumente, da parteiintern gewesen, werden nicht vom Staatsarchiv aufbewahrt. So muss man davon ausgehen, dass der Großteil davon vernichtet wurde. Im Nachlass von Albert Reiners haben sich einige solcher Dokumente erhalten, was sicherlich selten ist. Insofern sind einige Facetten aus diesen Jahren für seine Biografie in groben Zügen rekonstruierbar. Die sogenannte Kristallnacht war reichsweit die letzte große Aktion der SA. Danach ging der Terror vollends in den Verantwortungsbereich der Schutzstaffel (SS) über.

Im Jahr 1937 war Albert Reiners der NSDAP beigetreten, eine persönliche Entscheidung von ihm. Auch sein Vater Georg war Mitglied der Partei. Und das bereits seit März 1933. Allerdings fand dessen Aufnahme auch im Zuge der Gleich-schaltungsmaßnahmen statt. Von 1936 bis 1938 war Georg Reiners zudem Stützpunktleiter der NSDAP, so dass an seinem Haus Nummer 46, der Bäckerei und Konditorei, in diesen Jahren das Emblem der Partei prangte. Es ergibt sich jedoch für Georg Reiners ein ambivalentes Bild für die Zeit der Naziherrschaft. Beispielsweise hatte er immer wieder Menschen unter der Hand mit Brot und Lebensmitteln versorgt. So auch die Jüdin Rosa Abraham. Die Funktion des Stützpunktleiters wurde ihm Ende des Jahres 1938 aberkannt, da er sich geweigert hatte, seine Funktionen als Kirchen- und Kreiskirchenvorsteher aufzugeben.

Anfang des Jahres 1940 wurde Albert Reiners zum Kriegs-dienst eingezogen. Wie bereits sein Vater Georg im Ersten Weltkrieg wurde auch er im rückwärtigen Dienst in einer Bäckereikolonne eingesetzt. Nach Kriegsende und einigen Wochen amerikanischer Gefangenschaft in Bayern kehrte er 1945 nach Worpswede zurück. In den folgenden Jahren mussten sein Vater und er sich den Entnazifizierungsverfahren der Alliierten stellen. Ab dem Jahre 1948 steuerte dann die Reiner’sche Bäckerei mit dem angeschlossenen Geschäft unter vollen Segeln in die „Wirtschaftswunderjahre“ der jungen Bundesrepublik. Die Geschicke der Firma lagen nun in den Händen des Juniors. Ab den 1960er Jahren änderte sich jedoch der Kurs, denn Albert Reiners entschloss sich, Bäckerei und Geschäft zu verpachten und sich ganz dem Gemeinwohl zu widmen. Das sollte bis zu seinem Lebensende so bleiben. Im Jahr 1994 starb er als geachteter Bürger des Dorfes Worpswede, das auch nach seinem Tod von seiner Stiftung, in die das nicht unbeträchtliche Reiner’sche Vermögen eingeflossen ist, jährlich profitieren darf.

Verfasserin:   Gudrun Scabell

Weiterführende Literatur

Gudrun Scabell: Albert Reiners. Ein Urgestein Worpswedes,

herausgegeben von der Albert Reiners-Stiftung Worpswede, 2016

Dieses Buch ist erhältlich in der Touristinformation Worpswede, Bergstraße 13 und in den beiden Buchhandlungen des Ortes.

 

Ein Hinweis zu “Albert Reiners-Eine Biografie des 20.Jahrhunderts”

  1. Sehr geehrte Frau Lehmensiek,

    danke für Ihren ergänzenden Zusatz.

  2. Anning Lehmensiek sagt:

    Zusatz:
    In dem Haus, in dem Albert Reiners aufgewachsen ist, haben viele Jahrzehnte lang jüdische Familien gelebt.(Gudrun Scabell erwähnt das auch in ihrem Buch auf S. 6) Seit etwa 1804 hat dort der Schlachter Abraham Leeser mit seiner Familie gelebt, seit 1819 dessen Schwiegersohn Abraham Steckler, ebenfalls Schlachter und Betreiber eines kleinen Ladens, 1850 hat sein Sohn Isaak Steckler das Haus übernommen und dort als Blechhämmer gearbeitet. Moses Meyer, auch er Schlachter und Händler, hat das Haus 1850 gekauft und 1855 an den Schlachter Michael Abraham übergeben. 1875 hat Meinhard Meyer das Haus erworben und 1909 an den Vater von Albert Reiners verkauft. Ob sich Albert Reiners dieser Vorgeschichte seines Elternhauses bewusst war?

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