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Der Niedersachsenstein in Worpswede – ein „Denk“- und Mahnmal

Für den Besucher überraschend erhebt sich hinter den Bäumen am Rande einer Freifläche auf dem Weyerberg in Worpswede ein Ungeheuer aus rotem Backstein: Knapp 13 m hoch, bizarr reliefartig geformt, einem zum Flug bereiten Adler ähnlich, der über die Landschaft wacht. Auch ein „drohender Teufel“ wird gelegentlich in ihm gesehen. Der Name dieses 1922 fertiggestellten Bauwerks erinnert an das Geschichtsfeld der norddeutschen Landschaft: „Niedersachsenstein“. Ergänzend ist darunter in eine Schrifttafel ein Vers aus dem Johannesevangelium (13/15) eingelegt: Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lasset für seine Freunde. Im Kreis um das Denkmal herum erinnern 173 Feldsteine an die im ersten Weltkrieg gestorbenen Soldaten des Kirchspiels Worpswede. Die amtliche Flurbezeichnung des Denkmalplatzes ist bis heute: „Heldenhain“.

Passt das alles zusammen? Nach wie vor gibt dieses Gesamtkunstwerk Rätsel auf.

Bernhard Hoetger, der Baumeister des nach seinen eigenen Worten „architektonischen Mals“, hat sich zur Bedeutung dieses „Steines“ (dem landläufigen Begriff in Worpswede) nur unklar geäußert. Am ehesten mag eine Erklärung des Künstlers weiterführen, die zugleich ein verbreitetes Gefühl aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg ausdrückt: „Das moderne Schaffen, arm an gemeinschaftlichen Ideen, ordnete sich der Natur unter und gebar Sehnsucht nach Erlösung. Das Denkmal habe ich aus dieser neuen Sehnsucht geformt. … Es gilt zu wissen, dass diese elementare Wahrheit unsere Zeit bedeutet ….“.

Der Niedersachsenstein als wahrhaftiger Ausdruck einer Sehnsucht nach einer besseren Welt? Historisch war die Entwicklung der Ideen zu diesem Denkmal allerdings weniger geradlinig: Nachdem der ursprüngliche Wunsch nach einem Bismarckdenkmal an dieser Stelle verworfen war, stand der Sinn des Kriegervereins in Worpswede 1915 nach einem „Siegesmal“ für den sicher erwarteten Kriegsausgang. Aus ihm wurde nach Kriegende der heutige Gedenkstein. Der Bibelvers sollte die „Gefallenen“ posthum ehren, aber auch das klingt inzwischen zeitbedingt. Wir fragen uns heute, für wen tatsächlich die Soldaten in den Schützengräben gestorben sind. Initiativen aus der Worpsweder Bevölkerung haben in den Jahren nach 1990 versucht, dem Denkmal als „Friedenszeichen“ Anerkennung zu verschaffen. Richtig geglückt ist aber auch das nicht.

In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg ist der Nimbus eines „Friedhofs“ für die Kriegstoten vom Platz des „Heldenhains“ geschwunden. Der Raum wurde – obwohl Privateigentum der Stiftung Worpswede – schlicht öffentlich und bietet seither wunderbaren Platz für Musik- und Familienfeste. Aus unvoreingenommener Betrachtung erwuchs bei kritischen Besuchern aber trotzdem die Überlegung, wie weit (auch) die Hoetger‘schen Kunstideen den Boden für die unheilvollen politischen Entwicklungen zur NS-Diktatur geebnet haben.

Autor: Hans Ganten

 

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