Ritterhuder Spuren

9 Haltepunkte | ca. 11 Kilometer

Kommentieren Sie den Beitrag

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

AChristian Evers (1898 – 1964)

Christian Evers (1898-1964)

Als 1933 Adolf Hitler von dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde, blieb Christian Evers Gemeindeschulze, so war die neue Amtsbezeichnung, ab 1935: Bürgermeister.

In einem Brief an den Amtskollegen Stephan in Hannover 1932 erhofft sich Evers von der neuen Regierung einen Weg aus der hohen Arbeitslosigkeit. In dieser Zeit ab 1933 wurden demokratische Strukturen systematisch und fortschreitend ausgeschaltet. Bei den Wahlen zum Preußischen Landtag, Kreistag und Gemeindeausschuss 1933 sah die Sitzverteilung in Ritterhude wie folgt aus: 

SPD – 5 Mitglieder, Liste sachliche Gemeindepolitik – 3 Mitglieder, Liste Sparsamkeit und Gerechtigkeit – 2 Mitglieder, KPD – 1 Mitglied, NSDAP – 1 Mitglied.

Der gewählte KPD Vertreter durfte sein Mandat gar nicht antreten und die 5 gewählten SPD Vertreter nahmen nur an 2 Sitzungen teil, um danach ebenfalls auf Antrag des NSDAP Vertreters mit einfacher Mehrheit für kommende 20 Sitzungen ausgeschlossen zu werden. Christian Evers soll sich bei dieser Abstimmung enthalten haben, sein späterer Einspruch beim Landrat in Osterholz blieb wirkungslos. 

Im April 1933 wurde Christian Evers nahe gelegt, in die NSDAP einzutreten, wenn er sein Amt behalten wolle.

In seinem Entnazifizierungsverfahren versichert Evers später, bis 1933 keiner politischen Partei angehört zu haben, seine Mitgliedschaft in der DVP (Deutsche Volkspartei, Rechtsliberale um Gustav Stresemann) bis 1925 lässt er unerwähnt. Weiter begründet Evers seinen Eintritt in die NSDAP damit, dass ihm seine Nähe zur SPD vorgeworfen worden sei und dass er ansonsten seines Amtes enthoben worden wäre. Er ergänzt weiter, dass er noch jung genug sei und mit 35 Jahren noch viele seit langem gefasste Pläne verwirklichen wolle.

Durch die Fürsprache von einflussreichen Bürgern konnte er im Amt bleiben. Tatsächlich konnte er in dieser Zeit Reparaturen und Verbesserungen an öffentlichen und privaten Gebäuden erwirken, durch Um- und Neubauten erforderlichen Wohnraum schaffen, Straßenbau und Kanalisationsarbeiten, Deich- und Sielbauten im St. Jürgensfeld und am rechten Hamme Ufer den Bau einer Badeanstalt realisieren. Diese Projekte wurden mit Beschäftigungsprogrammen für Arbeitslose und später mit Fremd- und Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen fertiggestellt.

Die Ambivalenz der langen Amtszeit Christian Evers zeigt sich in einem Gerichtsverfahren, das 1934 bis 1937 vier Ritterhuder Bürger gegen ihn geführt haben. Sie warfen ihm vor, sich an Steuergeldern der Gemeinde bereichert zu haben. Evers hielt dagegen, dass es sich hier um eine Kampagne gegen ihn handele, weil die Kläger Aufträge für bestimmte Handwerksarbeiten nicht bekommen hätten und diese anderweitig vergeben worden waren. Drei der Kläger konnten vor einer Gefängnisstrafe bewahrt werden, der vierte musste ein halbes Jahr im Gefängnis absitzen.

Die Verstärkung des Wümmedeiches im Jürgensfeld setzte er 1934 gegen den Willen der Bauern durch, die die alljährlichen Überflutungen ihrer Felder als natürliche Düngung des Bodens ansahen. In seiner Festrede zum ersten Spatenstich betonte er, dass es der nationalsozialistischen Regierung vorbehalten war, „… dem Bauern zu geben, was des Bauern ist“ und forderte weiter die Anwesenden auf, zu Hitlers und Hindenburgs Ehren in ein „Sieg Heil“ einzustimmen.  Die lokale Presse berichtet von weiteren ideologischen Reden bei dieser Gelegenheit, in denen der „Blut- und Boden-Mythos“ angepriesen wurde.

Christian Evers war ab 1931 Verbandsvorsteher vom Deichverband Ritterhude, aus dem sich 1938 der „Ritterhuder Deichverband auf dem rechten Hammeufer“ gründete, dem er bis 1960 vorstand.

Die Einladung zum goldenen Jubiläum des Ritterhuder Freundschaftsbundes in New York nahm Christian Evers zwar nicht an, in der Festschrift wird er aber als freundlicher Gastgeber für heimatliche Besucher aus New York hervorgehoben. „… Auch gedachte der Freundschaftsbund der Notleidenden in Ritterhude und die Berichte und Dankschreiben des liebenswürdigen und vortrefflichen Vorstehers, Herrn Chr. Evers, wurden den Mitgliedern in den Versammlungen mitgeteilt…“

Die in der Mitte der 1930er Jahre in das Straßenpflaster der Straße „An der Untermühle“ eingelassenen beiden Hakenkreuze führten später bei der Wahl Evers zum Landrat zu heftigen Auseinandersetzungen.

Die Aufgabe des Hauptstellenleiters Rundfunk wollte Evers 1938 ablehnen, konnte sich jedoch nicht durchsetzen. In dieser Funktion konnte er bis Kriegsende 1945 acht Rundfunkempfänger aus der „Goebbels Spende“ an parteitreue Bürger der Gemeinde verteilen. Alle Haushalte sollten mit einem Rundfunkempfänger ausgestattet sein, um die Propaganda von Hitler und Goebbels empfangen zu können. Die vorgeschriebenen Feste und öffentlichen Rundfunkübertragungen fanden in Ritterhude auf dem Schulhof der Riesschule statt.

Von wenigen persönlichen Briefen abgesehen, fehlen alle amtlichen Schriftstücke für die Jahre 1933 bis 1945, die auf die Arbeit des Gemeindevorstehers schließen lassen. Christian Evers konnte seinen Nachlass selbst bereinigen. Zeitzeugen berichten, dass es an den Tagen vor der Kapitulation am 8. Mai 1945, als Christian Evers von der britischen Militärregierung seines Amtes enthoben wurde, mehrfach hinter dem Rathaus brannte.

In persönlichen Briefen Evers wird die Lage in den Jahren des Krieges ausführlich beschrieben. Er beschreibt hier 1942 schwere Schäden durch Sprengbomben in 40 m vom Rathaus und der Schlossbrücke und durch Brandbomben an Wohnhäusern und Schuppen. Die Beantragung von 5 öffentlichen Luftschutzräumen führte zur Bewilligung von 1 öffentlichen Luftschutzraum. Seit Sommer 1941 wurde ein größeres Lager für 1000 Personen betrieben, in dem ein tschechisches Baubatallion untergebracht war. Christian Evers nutzte diesen Umstand für den Bau einer ohnehin notwendigen Straße als Auffahrt für das Lager. Die Kosten hierfür zahlte die Stadt Bremen. Zum 25jährigen Dienstjubiläum von Christian Evers erreichten ihn zahlreiche Glückwünsche, die viel Akzeptanz, Anerkennung und Unterstützung zum Ausdruck brachten.

Der Befehl zur Sprengung der für die Versorgung des Ortes so wichtigen Brücken über die Wümme (Nordseite) und die Schloss- und Dammbrücke über die Hamme konnte kurz vor Kriegsende nicht vereitelt werden. 

Die britische Militärregierung enthob Christian Evers am 9. Mai 1945 seines Amtes. Offensichtlich hatte er bereits damit gerechnet, in einer Notiz erwähnt er ein Gespräch mit dem Apotheker Niemann, der ihm versichert, …“Du bis ja gar kein Nazi gewesen, wenn man von dir etwas will, kannst du dich zu jeder Zeit auf mich berufen“…

Die Briten bestimmten den Sozialdemokraten Friedrich Verholen als Nachfolger von Christian Evers zum Bürgermeister. Der Landkreis Osterholz wurde Teil der „amerikanischen Enklave Bremen“ im britischen Besatzungsgebiet. Christian Evers wurde verhaftet und aufgrund seiner Tätigkeit als Kreishauptstellenleiter Rundfunk in ein Lager nach Bremen gebracht und verbrachte ein Jahr in Internierungslagern in Allendorf, Rockenberg, Butzbach und Darmstadt, bevor er im Juni 1946 nach Ritterhude zurückkehren konnte.

Autor: Irmgard Lippert

Quelle: Ulrike Hartung: „Ritterhude – New York – Ritterhude, Gemeindevorsteher Christian Evers und die Geschwister Ries, Edition Temmen, 1. Auflage 2008 

BDie Riesschule – Vom Lernort zum militärischen Standort

 

Die Riesschule war das  dritte Vorhaben und größte Projekt, das 1930  aus der Stiftung der Brüder Herrmann Hinrich und Johann Friedrich  Ries hervorging (1). Beide waren in Ritterhude aufgewachsen, in die USA ausgewandert und zum einem beträchtlichen Vermögen gelangt, das sie in nach ihrem Berufsleben in alter Verbundenheit zu ihrem Heimatort  Ritterhude der Gemeinde ab 1912 in Form einer Stiftung zugute kommen ließen.

Die  nach den Ries-Brüdern benannte Schule wurde nach den neuesten baulichen und pädagogischen Erkenntnissen der damaligen Zeit errichtet.  In Fachkreisen wurde sie wegen ihrer Ausstattung  als modernste Schule Preußens bezeichnet und von manchem Gymnasium beneidet.

Mit 304  Kindern erfolgte am 11. August 1930 der Schulbetrieb(2).

Während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft veränderte sich  die Nutzung der Schule. Äußere Anzeichen waren dafür  die Aufnahme eines Kindergartens im Schulgebäude, der  nicht von einer Kirche,   sondern von der NS-Volksfürsorge (NSV) geleitet wurde (3), und besonders die Aufnahme von kriegsbe-dingten Einrichtungen der Wehrmacht zum Ende des 2.Weltkrieges.

Diese Phase der  Schulgeschichte schildern  eindrucksvoll Zeitzeugenberichte  in den „Ritterhuder Heften“ des Heimat- und Bürgervereins – hrsg. von Helga und Kurt Müller u.a. –  in den 1990-iger Jahren. Auszugsweise soll daraus zur genaueren Beschreibung der kriegsbedingten Einrichtungen zitiert bzw. Bezug genommen  werden.

1. Im Frühsommer 1941  wurde  das Stabsquartier einer  Flakabteilung eingerichtet. Heinz Gremlik, der dieser Einheit angehörte, berichtet:

„Nachdem unser Vorkommando in Bremen und Umgebung unsere neue Stellungen erkundet hatte, vollzog sich kurze Zeit später am 2./3. Mai 1941 unser Stellungswechsel nach Ritterhude und Umgebung. Der Stab lag hier in Ritterhude, die Turnhalle diente zunächst als Notquartier. Zu Ende Mai wurden für uns am Sportplatz an der Riesschule Baracken aufgestellt, die wir Mitte Juni bezogen. Es waren 6 und 8 Mann-Räume, mit Stockwerk-Betten und Ofenheizung. Offiziere und Unteroffiziere wohnten in Privatquartieren.

Der Schulhof diente als Parkplatz für unsere Fahrzeuge . Wir von der Stabsbatterie hatten die  Aufgabe, alle Batterien mit Proviant, Munition und erforderlichem Gerät zu versorgen. Sämtliche Kampfbatterien waren  ohne Fahrzeuge und somit auf die Stabsbatterie angewiesen. Nicht zu vergessen, unsere Feldküche hatte sich gleich zu Anfang in der Schulküche der Riesschule, unten links, eingenistet. (….) Versorgung für alle wurde von der Schlachterei Renkwitz, Goethestr. geliefert.

Unsere neuen Stellungen waren: Zwei leichte 2 cm-Batterien im Kali-Hafen Bremen und an der Autobahn Oslebshausen. Drei schwere 8,8 cm-Batterien im Blockland Nr. 19 bei Arps, in Wummensiede Nr. 5 und in Habichthorst (…).

Die Stabsbatterie hatte auf dem Dach der Riesschule ihren Beobachtungs- und Gefechtsstand. Neue Baracken kamen auf dem Sportplatzgelände hinzu. Die Besatzungen der in der Umgebung stationierten Scheinwerfer brauchten eine Unterkunft. Eine kleinere Baracke unter der alten Buche diente der  5-Mann  starken  Schein-werferabteilung  als Unterkunft. Der Scheinwerfer stand daneben in Stellung.

In der Schule, in dem Raum unter der Bühne der Aula war die Telefonvermittlung. Hier liefen die Direkt-leitungen von den einzelnen Stellungen und dem Divisionsstab zusammen. Von 1943 bis Januar 1945 war die Vermittlung mit 6 Frauen aus Ritterhude  besetzt. Sie waren dienstverpflichtet, trugen  aber Zivilkleidung.

Bei Fliegeralarm zogen sich die Soldaten in den Bunker unter dem Sportplatz (Eingang Rathausstr., jetzt Garage) zurück, die Frauen blieben in der Vermittlung.

Das Lehrerzimmer  wurde  Offiziers-Casino, in der Milchküche  war die Anrichte für die Offiziere. Gekocht wurde in der Schulküche, Essensrechte an bedürftige Kinder des NSV-Kindergartens  (s.o.) verteilt. (…)

Auch 12 Russen, sog. „Hiwis“ (Hilfswillige) wohnten in der Schule. Sie wurden  bei Wartungsarbeiten und Transportaufgaben eingesetzt.

Trotz aller Einschränkungen ging der Schulbetrieb normal weiter, bis im Januar 1945 die Schule als Reservelazarett eingerichtet wurde (4).

Die Flakkommandozentrale (5) wurde in eine Baracke verlegt, für die an der Feldstr. (heute Hegelstr.) eine Nische in den Hang gegraben wurde.

2.  Das Reservelazarett  wurde  im Januar 1945 in der  Riesschule eingerichtet.                                                     

Der Kindergarten wurde geschlossen. Das Schulgebäude erhielt an der Frontseite und auf dem Dach  große

rote Kreuze, um es als Lazarett zu kennzeichnen. Das rote Kreuz zur Straßenseite hin wurde nach dem Krieg

mehrfach übertüncht. Bei genauer Betrachtung sind noch heute Reste erkennbar (siehe Foto – links). (6)

Maria Lürßen erinnert sich: „Es waren meist schwere Fälle, die direkt von den Verbandsplätzen verlegt wurden z.B. Wundstarrkrampf und Bauchverletzungen. Die im Lazarett Verstorbenen wurden auf dem Friedhof in zwei Reihengräbern bestattet, später  teilweise umgebettet oder in ihre Heimatgemeinden überführt.

15 Betten mit Strohsäcken standen in jedem Klassenraum, daneben waren die Aula und zwei Baracken (an der Friedhofseite) mit Verletzten und Kranken belegt. Später auch noch der Sitzungssaal im Rathaus. Das Lehrerzimmer  war Operationsraum. Eine Zahnarztstation befand sich in einer Baracke auf dem Schulsportplatz. Die Küche war im Keller, außerdem war eine Wäscherei im Haus (Beim Bau der Schule war eine eigene Wasserversorgung installiert worden). Für die Patienten musste das erforder-liche  warme Wasser in einer Gulaschkanone auf dem Schulhof erwärmt werden, Krankenschwestern und Sanitäter trugen das Wasser dann in Schüsseln auf die Stationen“. (7)

In den letzten Kriegswochen  kamen auch zahlreiche SS-Leute mit ihren Verwundungen ins Ritterhuder Lazarett. Sie wurden z.T. auch weiter verlegt ins Marine-Hospital Neuenkirchen, das etwa zur gleichen Zeit im Marine-Gemeinschaftslager von der Organisation Todt im Rahmen des U-Bootwerftprojektes „Valentin“ eingerichtet worden war (8).

3. Im Oktober 1944 kamen sog. „fremdvölkische Flüchtlinge“ nach  Ritterhude

Es waren niederländische Nationalsozialisten, die vor den heranrückenden englischen und  US-ameri-kanischen Soldaten aus Holland bzw. Flandern geflüchtet waren. 373 Flüchtlinge wurden  in Lagern untergebracht, 17 privat

Das Osterholzer Kreisblatt begrüßte am 2.Oktober 1944  diese „Gäste“: „Die Gastfreundschaft, die unsere niedersächsische Bevölkerung ihnen bietet, gewährt sie nicht Fremden oder lästigen Ausländern, sondern Menschen, die mit ihr gleichen Blutes, gleicher Sprache und gleicher Abstammung sind …

Wir Niedersachsen und die Flamen und Niederländer, die jetzt bei uns sind, marschieren in einer Front und kämpfen für ein gemeinsames Ziel: für das kommende großgermanische Reich unter der Führung Adolf Hitlers“(9).

Die Unterbringung  erfolgte zunächst in den Baracken des Sandberglagers, dann auf den Fluren der Riesschule, wo auf gestopften Strohsäcken geschlafen wurde. Nach und nach wurden die Familien auf den ganzen Kreis verteilt. Nach Kriegsende kehrten die holländischen Familien  in ihre Heimatorte zurück und waren dort starken Repressalien ausgesetzt(10).

Das Schicksal dieser holländischen Familien lässt an den Sterbestatistiken nachvollziehen, die nach dem Krieg von den Besatzungsmächten von deutschen Behörden eingefordert wurden, um das Schicksal ihrer Bevölkerung im Ausland Aufklärung zu bekommen (siehe Anhang).

4. Dem Stabsquartier  waren sog. „Hilfswillige“ als Arbeitskräfte zugeordnet (vgl. Punkt 1).

Sie stammten aus der Sowjetunion (Rußland) und waren entweder  „Fremdarbeiter“ oder „Zwangsarbeiter“, evtl. auch  Kriegsgefangene. Der genaue arbeitsrechtliche bzw. völkerrechtliche Status lässt sich aus der in  den „Ritterhuder Heften“ benutzten Bezeichnung nicht entnehmen.

Allgemein waren  „Zwangsarbeiter“ zivile Arbeitskräfte, die von der deutschen Besatzungsmacht gegen ihren Willen ins  Deutsche Reich  verschleppt wurden. Fremdarbeiter stellten sich zunächst freiwillig zur Verfügung, wurden  dann aber  häufig an ihrer Rückkehr gehindert.

Beide Statusgruppen erhielten eine (geringe) Entlohnung, waren krankenversichert und besaßen auch anfänglich Urlaubsanspruch. Die Behandlung dieser Statusgruppen erfolgte  insgesamt nach rassehygienischen Grundsätzen der NS-Ideologie. Eine besondere Gruppe stellten „reichsdeutsche“ Arbeitskräfte“ wie das tschechische Arbeitsbataillon L 12, das ab Oktober 1942 im Ritterhude Sandberglager untergebracht war.

In Ritterhude sind ausländische Arbeitskräfte, die in der  Landwirtschaft, im Handwerk oder in der Industrie beschäftigt waren, privat oder in Lagern untergebracht worden. Nachweislich lassen sich mindestens neun Familien in Ritterhude (10) benennen. Bei der Firma Bergolin waren mindestens 24 Fremd- bzw. Fremdarbeiter/innen beschäftigt, die in einem separaten Lager auf dem Firmengelände untergebracht waren.

Ein Kriegsgefangenenlager gab es in der Ritterhuder Dammstr. 4 mit einer Belegungsstärke von 30 Personen.

Unterschiedlich sind die Angaben zum Sandberglager. Es ist möglich, dass dort zum Kriegsende oder in den letzten Monaten davor,  (sowjetische) Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter verschiedener Länder untergebracht waren, als das Sandberglager die Funktion eines Sammellagers für Gefangene, Zwangsarbeiter, Ausgebombte aus Bremen und Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten erhalten hatte.

Die in Ritterhude eingesetzten ausländischen männlichen und weiblichen Arbeitskräfte kamen aus Russland, Italien,  Holland, Polen, Lettland und der Ukraine. (12)

Anmerkungen:

(1) Jürgen Meyer-Korte/Rolf Metzing, Ritterhude, Osterholz-Scharmbeck (Saade), 1983, S.55 ff.

(2) Jürgen Meyer-Korte/Rolf Metzing, Ritterhude, Osterholz-Scharmbeck (Saade), 1983, S.56

und Gemeinde Ritterhude,  Informationsbroschüre 1993, BVB-Verlagsgesellschaft Nordhorn, S.4

(3) Ritterhuder Hefte 17, S.32 ff.

(4) Ritterhuder Hefte 17, S.7-9

(5) Ritterhuder Hefte 17, S.35

(6) Gemeinde Ritterhude,  Informationsbroschüre 1993, BVB-Verlagsgesellschaft Nordhorn, S…

(7 ) Ritterhuder Hefte 17, S.34 – 35

(8) P.-M. Meiners , Die Lager  der Baustelle U-Bootbunkerwerft „Valentin“, Ritterhude 2017, S.33

(9) vgl. Ritterhuder Hefte 17, S.21-22

(10) AOK-Versichertenlisten

(11) vgl. Ritterhuder Hefte 17, S21-22

(12)  AOK-Versichertenlisten und Sterbelisten verschiedener Archive im Besitz von P.-M. Meiners

Autor der Spur: Peter-Michael Meiners

Anhang  : „ Nicht reichsdeutsche“ Sterbefälle in Ritterhude 

Die beigefügten Dokumente  aus dem Staatsarchiv Bremen (Sterberegister Bremen Mitte) und dem Archiv des ITS Arolsen  (Intern. Rotes Kreuz) können (erste) Eindrücke von Wohn- und Lebensumständen der  Fremd- bzw. Zwangsarbeiterinnen  und Zwangsarbeitern  in Ritterhude geben.

Quelle: Staatsarchiv Bremen – Sterberegister Bremen-Mitte     Signatur 4,60/5 – 7082 u. 7083
Bocage Manfred 27.4.44 Zeist / Holland 10.10.44 Alimentäre

 Intoxikation

Ritterhude Lager – 

Mutter :  To  Bocage

4780
Krohne Henricus 14.3.44 Groningen

Vater:Tjeerd Henricus

Mutter:  Elise Johanna 

geb. Hove,

30.11.44 Atrophie, Dyspepsie, Kreislaufinsuffizienz beide Eltern wohnhaft 

in Ritterhude, Lager

 „Riesschule“

5466

In den Totenlisten aus dem Jahre 1946, die für die britische Besatzungsmacht vom  Staatl. Gesund-heitsamt des Landkreises Osterholz und den Gemeinden erstellt werden mussten, sind für Ritterhude folgende Todesfälle registriert:

(Die handgeschriebenen Vermerke aus den Dokumenten können derzeit nicht erklärt werden).

pastedGraphic.png

pastedGraphic_1.png

pastedGraphic_2.png

pastedGraphic_3.png

pastedGraphic_4.png

pastedGraphic_5.png

Quelle:

1. Copy of Doc. No. 70718722#1 (2.1.2.1/0911-1077A/0936/0066) in conformity with the ITS Archives, 16.04.2012, Archivnummer: 3689

         LK Osterholz –Totenlisten 

   2. Unterlagen des Steberegisters Schwanewede im Kreisarchiv Osterholz einzusehen – zum Zeitpunkt der Recherche gab es noch keine                 Archiv-Nummer

3. Copy of Doc. No. 70718725#1 (2.1.2.1/0911-1077A/0936/0069) in conformity with the ITS Archives, 16.04.2012, Archivnummer: 3689

LK Osterholz –Totenlisten –

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

CDer jüdische Bürger Hartog Isaak ter Berg aus Ritterhude und seine Familie, 1933-1945

Hartog ter Berg im Foto links außen

Der jüdische Bürger Hartog Isaak ter Berg aus Ritterhude und seine Familie, 1933-1945

Hartog Isaak ter Berg, Ritterhude, Riesstr. 39 (1933-1945 Adolf-Hitler Str.302), geboren am 12.07.1886 in Ritterhude, Sohn von Hartog ter Berg aus Noordbroek/Niederlande und Sophie Simon aus Ritterhude.

Hartog ter Berg siedelte von Holland nach Bremen. Er heiratete Sophie Simon, Tochter des Levy Simon (1858-1914) aus Ritterhude.Von ihren sieben Kindern wurden sechs Kinder in Konzentrationslagern ermordet (Levy, Rebecca, Hartog Isaak, Elias, Johanna, Semmi).

Hartog Isaak ter Berg wurde am 12.07.1886 in Ritterhude geboren. Er heiratete am 14.10.1913 Paula Wolff aus Bedburg (02.06.1886-28.07.1942).

Ihre Söhne, Erwin ter Berg wurden am 09.09.1914 in Bremen und Adolf Adrian ter Berg am 27.06.1917 in Ritterhude geboren.

Hartog Isaak ter Berg war ab 09.09.1914 Kaufmann in Ritterhude. Sein Vater Hartog ter Berg führte in Ritterhude ein Textilgeschäft, das Hartog Isaak nach dem Tode des Vaters mit seiner Frau Paula, einer Schneidermeisterin, weiterführte.

Ab 01.April 1933, mit der Machtübernahme Adolf Hitlers testeten die Nationalsozialisten mit einem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte, Rechtsanwalts-und Arztpraxen, wie das Ausland auf diese rassistische und menschenverachtende Aktion reagieren würde. In einem Bericht des Osterholzer Kreisblattes vom 01.04.1933 wird berichtet, dass SA-Männer vor den jüdischen Geschäften standen und vor dem Einkauf bei Juden warnten. Ein Trupp SA durchzog den Ort mit einem Plakat zum Boykott. Auch auf das Textilwarengeschäft der Familie ter Berg wirkte sich der Boykott aus. Anfang 1938 musste Hartog Isaak ter Berg sein Geschäft an einen „arischen“ Geschäftsmann verkaufen.

Novemberpogrom 1938 in Ritterhude

In der Nacht zum 10.November 1938 wurden im gesamten Deutschen Reich Schaufensterscheiben jüdischer Geschäftsinhaber eingeschlagen, Wohnungen jüdischer Familien geplündert und Synagogen angezündet. In dieser Nacht vom 09. auf den 10. November 1938, der sogenannten „Reichskristallnacht“, verhaftete Fritz Köster, damaliger Bürgermeister aus Lesum die Familie ter Berg aus Ritterhude.

Der Befehl lautete, die Familie auf ein freies Feld zu führen und dort zu erschießen. Köster und sein Truppführer ließen die ter Bergs unter Abgabe eines Schreckschusses laufen. Hartog Isaak ter Berg gelang es aus den Wiesen zu flüchten. Er wurde von dem Zigarrenmacher Kuhlmann aufgenommen und im Schrank versteckt. Kuhlmann wurde denunziert. Die SA malte darauf bei Kuhlmann nachts die Fenster blau an und brachte Schilder mit der Aufschrift an -Hier wohnt ein Judenknecht- . Seine Frau Paula ter Berg fand eine mitleidige Seele, die ihr erst einmal Kaffee kochte, als sie aus den Wiesen zurück kam. Paula ter Berg war bis zu den Hüften nass und verdreckt. (Ritterhuder Hefte Nr.11, Dokumentation erinnern,mahnen,lernen,1988 Vergesst es nie und seid wachsam!). Sie wurde später heimlich durch die Gärten in die Arztpraxis Caselitz gebracht, wo ihre Wunden ärztlich versorgt wurden. Kurze Zeit später wurde die Familie ter Berg in das Gefängnis nach Lesum gebracht. Danach wurden sie, wie die meisten Juden, in ein sog. Judenhaus in Bremen in der Humboldtstraße Nr.10 eingewiesen, um dann am 18.November 1941 nach Minsk deportiert zu werden.

Deportation der Familie ter Berg  am 18.November 1941 nach Minsk

Hartog Isaak ter Berg wurde am 18.11.1941 von Bremen über Hamburg nach Minsk deportiert. Todesdatum : 28.07.1942 im Ghetto  Minsk .

Paula ter Berg, geborene Wolff, wurde am 18.11.1941 von Bremen über Hamburg nach Minsk deportiert. Todesdatum: 28.07.1942 im Ghetto Minsk.

Erwin ter Berg wurde am 18.11.1941 mit seiner Frau Lydia Lisa, geborene Herzberg, von Bremen über Hamburg nach Minsk deportiert. Todesdatum: 28.07.1942 im Ghetto Minsk.

Adolf Adrian ter Berg gelang am 22.09.1938 die Emigration nach England.Er nannte sich dort Adrian ter Berg oder Terberg. Er verstarb 1974 in Tenby/Wales.

Auch die Geschwister von Hartog Isaak ter Berg wurden deportiert.

Levy ter Berg (geboren 1882 in Ritterhude) verheiratet mit Clara Voß (geboren 26.10.1878 in Wilhelmshaven). Levy wurde mit seiner Ehefrau nach Riga deportiert.Todesdatum: 06.12.1941.

Rebecca Sara ter Berg und ihr Ehemann Alfred Herz geboren 23.12.1880 in Aumund wurden 1941 nach Minsk deportiert. Todesdatum: von Rebecca 28.07.1942.

Elias ter Berg (geboren 28.08.1888 in Ritterhude) heiratete am 15.09.1922 Mathilde Rothschild. Das Ehepaar hatte eine Tochter, Jenny, geboren 1927 in Bremen.

Elias ter Berg wurde in der Pogromnacht verhaftet und bis zum 23.12.1938 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Im Dezember 1940 wurde die Familie ter Berg in ein „Judenhaus“ in Bremen, Nordstraße, gebracht. Ihre Tochter Jenny, die in Hamburg wohnte, kehrte kurz vor der Deportation nach Minsk am 31.10.1941 zu ihren Eltern zurück. Die Familie ter Berg wurde am 18.11.1941 von Bremen aus über Hamburg nach Minsk deportiert. Todesdatum von Elias ter Berg  28.07.1942 in Minsk.

Johanna ter Berg /Levy (18.04.1895 in Ritterhude geboren) und ihr Ehemann Louis Levy wurden von Holland aus nach Ausschwitz deportiert. Todesdatum der Eheleute 19.11.1942. Ihre Tochter Helga Levy wurde im Jahr 1942 ebenfalls in Ausschwitz ermordet.

Semmi Simon ter Berg (17.01.1897 in Ritterhude geboren) wohnte in Arnsberg in Westfalen. Er wurde nach Sachsenhausen und dann nach Ausschwitz deportiert. Todesdatum: 02.03.1943.

Über das Schicksal von Frieda ter berg geboren 1891 in  Ritterhude ist nichts bekannt.

Autor: Brigitte Stürmer

Quellen: Ritterhuder Hefte, Beiträge zur Ortsgeschichte, Heft 11 – 1989; Dokumentation „Erinnern, mahnen, lernen, Vergesst es nie und seid wachsam!“, 1988

DDer jüdische Bürger Jacob Simon aus Ritterhude und seine Familie

Der jüdische Bürger Jacob Simon aus Ritterhude  und seine Familie

Anbaustelle Nr.75, Fergersbergstraße 20, Adolf Hitler Str.302, ab 1945: Goethestr. 28

Simon Nathan war der erste aus der jüdischen Familie Simon, der einen Schutzbrief erhielt und 1744 in Ritterhude siedelte. Er war Schwiegersohn des Schutzjuden Levi Herz aus Osterholz. Levi Herz übertrug seinen Schutzbrief auf Simon Nathan.

Am 10.Dezember 1782 wurde Nathan Simon nach dem Tode des Vaters Simon Nathan der Schutzbrief übertragen. Nathans Sohn, Levi Simon, geboren um 1803, war ab 2.03.1852 als Handelsmann in Ritterhude tätig. Er handelte mit Tuchwaren, Ellenwaaren. (Quelle: Prozess 1833, Levi Simon gegen Andreas Murken).

Da Levi Simon fast die ganze Familie finanziell unterhalten musste, bemühte er sich um den Schutzbrief seines verarmten Vaters und wurde dabei von dem Vorsteher Nathan Cohen unterstützt.

Levi Simon heiratete um 1833 die Tochter des David Hirschberg, Sarie Hirschberg (22.10.1847 in Ritterhude verstorben). Ihre Tochter Hannchen Simon, die 1833 geboren wurde, heiratete den Zigarrenfabrikanten Simon Leeser aus Ritterhude. 

In 2. Ehe heiratete Levi Simon Adelheit Edel Herz Rennberg, geboren 1813 in Ritterhude. Ihre jüngste Tochter Sophie Simon, geboren 1855, vermählte sich mit Hartog ter Berg aus Groningen. Sophies Tochter Johanna ter Berg /Levy, geboren 1895 in Ritterhude, gehörte zu den Opfern des Holocausts. Sie wurde am 19.11.1942 gemeinsam mit ihrem Mann Louis Levy und ihrer Tochter Helga Levy in Ausschwitz ermordet.

Sohn Nathan Simon aus 1. Ehe führte die Schlachterei ab 26.05.1872 weiter.

Er heiratete Mathilde Liebe Cohen, Tochter des Ritterhuder Schlachters Jacob Cohen. Er  kaufte die Anbaustelle Nr. 75 (Fergersbergstraße ) und später das Grundstück Goethestraße 28. Hier errichtete er ein Wohnhaus und die eigene Schlachterei.

Jacob Simon wurde am 12.01.1883 als 4. Kind der Familie Simon geboren. Jacob erlernte das Schlachterhandwerk und übernahm nach dem Tod des Vaters 1911 die Schlachterei. Seine Frau Berta, geborene Samson aus Zeven, half in der Schlachterei mit. Berühmt und begehrt war die „Zipfelwurst“ der Simons, Wurstenden, die nicht verkauft worden sind, schenkten sie Bedürftigen. Der einzige Sohn der Familie, Norbert, geboren 1912, war halbseitig gelähmt. Auch die Familie Simon hatte unter dem Terror des Nazi Regimes zu leiden. In der Nacht zum 10.November1938 (Novemberpogrom) wurden sie wie die Familie Cohen und die Familie ter Berg auf Befehl des Lesumer Bürgermeisters Köster von SA-Männern abgeholt in einem LKW nach Niederblockland gefahren und durch die Wümmewiesen gejagt.

Eine Frau sah ihre Rückkehr: Ich erinnere mich sehr gut, so etwas kann man nicht vergessen. Mit einer Bekannten stand ich an der Ecke bei Rex (Dammgut) Da sahen wir sie die Dammstraße her aus den Wiesen kommen. Männer, Frauen und Kinder in Nachthemden, barfuß, die Haare strähnig und nass. 5 bis 6 Juden aus den Familien Cohen und Simon, von ter Bergs habe ich niemanden gesehen. Und hinterher Leute mit Swippeitschen, die sie durch die Gräben getrieben hatten.“

Nach dem Novemberpogrom musste Jacob Simon sein Geschäft aufgeben. Er zog mit seiner Familie in das Obergeschoss ihres Hauses in der heutigen Goethestraße 28.

Nach dem Deportationsbefehls vom 24.Oktober 1941 durch Kurt Daluege wurden 

am 18.November vom Bremer Hauptbahnhof aus 570 Juden nach Minsk deportiert. 440 Juden kamen aus Bremen und 130 aus dem Regierungsbezirk Stade. Der Zug verließ morgens um 8.40 Uhr die Stadt Bremen in Richtung Hamburg zur Weiterfahrt nach Minsk. Im Zug saßen die drei Ritterhuder Familien, Simon, Cohen, ter Berg und mit ihnen einige ihrer engsten Familienmitglieder aus Bremen und Stade.

Deportation in das Ghetto Minsk am 18.November 1941 

Jacob Simon geboren am 12.01.1883 in Ritterhude wurde am 18.November 1941 von Bremen über Hamburg in das Ghetto Minsk deportiert. 

Berta Simon /Samson geboren am 14.03.1884 in Zeven wurde am 18.November 1941 von Bremen über Hamburg in das Ghetto Minsk deportiert.

Norbert Simon geboren am 27.12.1911 in Ritterhude wurde am 18.November 1941 von Bremen über Hamburg in das Ghetto Minsk deportiert.

Sophie Simons/Hartog ter Bergs Kinder 

Johanna Ter Berg /Levy, geboren 1895 in Ritterhude, wurde 1942 in Ausschwitz ermordet. 

Isaak Hartog ter Berg, geboren 1886 in Ritterhude, wurde 1942 in Ausschwitz ermordet.

Levy ter Berg wurde mit seiner Ehefrau nach Riga deportiert. Todesdatum:06.12.1941.

Rebecca Sara ter Berg und ihr Ehemann Alfred Herz wurden 1941 nach Minsk deportiert und 1942 ermordet. Todesdatum von Rebecca  28.07.1942.

Elias ter Berg, seine Ehefrau Mathilde Rothschild und Tochter Jenny wurde am

18.11.1941 von Bremen aus über Hamburg nach Minsk deportiert. Todesdatum von Elias ter Berg: 28.07.1942 in Minsk.

Johanna ter Berg und ihr Ehemann Louis Levy wurden von Holland aus nach Ausschwitz deportiert. Todesdatum der Eheleute: 19.11.1942. Ihre Tochter Helga Levy wurde im Jahr 1942 ebenfalls in Ausschwitz ermordet.

Semmi Simon ter Berg wurde ab Bielefeld nach Sachsenhausen deportiert und dann in Ausschwitz ermordet. Todesdatum: 02.03.1943.

Autor: Brigitte Stürmer

Quellen: Prozess 1833: Levi Simon gegen Andreas Murken.

EDer jüdische Bürger Johannes Cohen aus Ritterhude und seine Familie

Der jüdische Bürger Johannes Cohen aus Ritterhude und seine Familie

Hinter den Höfen Anbaustelle Nr.70 (1845), Wohnsitz ab 1938: Horst Wessel Str. 29, Umbenennung ab 1945: Goethestr.42. Die Familie Cohen stammt aus Bibra in Thüringen.

Nathan Aron Hakohen Cohen (04.01.1787-04.01.1868) siedelte von Bibra nach Osterholz-Scharmbeck.  Hier heiratete er in 2. Ehe Emilie Esther Meyer (10.05.1793-24.03.1854).

Jacob Nathan Cohen wurde als 3.Kind der Familie 1821 geboren. Nach dem Kauf der Anbaustelle Nr.70 Hinter den Höfen im Jahr 1845 wurde Jacob Nathan Cohen Ritterhuder Bürger.

August Cohen, sein Sohn (10.03.1847-30.01.1914), erlernte ebenfalls den Beruf des Schlachters. Ab 1877 wird er in Ritterhude als Schlachtermeister geführt. Mit seiner Frau  Rosalie Goldberg (06.09.1852-30.03.1930 ) aus Marßel/Burgdamm baute August Cohen  „Hinter den Höfen“ ein neues Haus, in dem ihr Sohn Johannes Cohen am 15.10.1883 geboren wurde.

Johannes Cohen wurde wie seine Vorfahren, Schlachtermeister und übernahm ab 1921 die Schlachterei seines Vaters in Ritterhude. Am 29.06.1921 heiratete er Erna Goldmann aus Sandstedt/Wesermünde. Ihr erster Sohn Heinz August Cohen wurde 1922 geboren und starb 1927. Ingeborg Cohen wurde am 21.Januar 1927 geboren.

Novemberpogrom 1938

Die Familie Cohen wurde in der Morgendämmerung des 10.November 1938 noch unvollständig bekleidet auf Befehl des Lesumer Bürgermeisters Köster von SA-Leuten aus dem Haus gezerrt, in der Wümmeniederung ausgesetzt und durch die Wiesen gejagt.

Deportation 1941 von Bremen über Hamburg  nach Minsk

Nach dem Deportationsbefehl am 24.Oktober 1941 durch Kurt Daluege wurden am 18. November 1941 vom Bremer Hauptbahnhof aus 570 Juden nach Minsk deportiert. 440 Juden kamen aus Bremen und 130 aus dem Regierungsbezirk Stade. Der Zug verließ morgens um 8.40 Uhr die Stadt Bremen in Richtung Hamburg. In diesem Zug saßen die drei Ritterhuder Familien Cohen, ter Berg und Simon. Ebenfalls waren in diesem Zug enge Verwandte und Freunde aus Bremen und dem Regierungsbezirk Stade.

Deportation in das Vernichtungslager Minsk am 18.11.1941

Johannes Cohen wurde am 18.11.1941 von Bremen aus über Hamburg in das Ghetto Minsk deportiert und dort ermordet.

Erna Cohen geborene Goldmann (geb.31.12.1898 in Sandstedt) wurde am 18.11.1941 von Bremen aus über  Hamburg in das Ghetto Minsk deportiert und dort ermordet.

Ingeborg Cohen, wurde 15jährig am 18.11.1941 von Bremen aus über Hamburg in das Ghetto Minsk deportiert und dort ermordet.

Familienmitglieder der Ritterhuder Cohen

Frieda Cohen geboren 20.09.1879 in Ritterhude, lebte mit ihrem Mann Siegfried Goldmann in Hagen. Frieda ist Tochter von August Cohen und Rosalie Goldberg und Zwillingsschwester von Jacob Cohen, der 1904 beim Militär verstorben ist. Frieda wurde von den Nazis nach Gröpelingen in das Altersheim gebracht. Am 23.Juli 1942 wurde sie  zusammen mit ihrem Ehemann Siegfried Goldmann in das Altersghetto Theresienstadt deportiert und 1942 in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort ermordet.

Johanne Sara Cohen, Witwe des Simon Guthmann aus Bremen, konnte zu ihrem Sohn Henry Guthmann, einem Baumwollfachmann, nach Brasilien ausreisen. Johanne Saras Tochter, Hannchen Erna Sara Guthmann, wurde ebenfalls von ihrem Bruder Henry Guthmann in Brasilien aufgenommen. (Pass: Johanna Sarah Guthmann, Nr. 83.656, Policia Bremen, 28.Febr. 1939). Henry Guthmann, Neffe von Johannes Cohen aus Ritterhude, gehörte in den 1920iger Jahren zu den schnellsten Läufern Norddeutschlands.

Autor: Brigitte Stürmer

Quellen: Gedenkbuch der Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, Yad Vashem

Die Stolpersteine als Erinnerung an die jüdische Familie Cohen in Ritterhude wurden von Gisela Ackermann, der Freundin und Mitschülerin von Ingeborg Cohen gestiftet.

„Kinder dieser Stadt“, Rübsam.

FDas Gemeinschaftslager Ritterhude (Sandberglager)Am Großen Geeren

 

Spätestens mit Kriegsbeginn herrschte im 3.Reich ein Arbeitskräftemangel.  Die Folge war, dass das NS-Regime mehr und mehr auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen war. Im November 1942 waren gut 4,6 Mio.  ausl. Arbeitskräfte in Deutschland eingesetzt. 1944 äußerte sich Sauckel, Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz im Deutschen Reich,  dahingehend, dass von den 5 Mio. ausl. Arbeitern keine 200000 freiwillig gekommen wären.

Im April 1941 beginnt die Planung eines Lagers für ausländische Arbeiter in der Gemeinde Ritterhude auf Initiative der Stadt Bremen. In einem Schreiben an den Landrat des Kreises Osterholz heißt es, dass in Bremen zusätzliche Arbeitskräfte von außerhalb eingesetzt werden müssten, u.a. zwecks Beseitigung der Bombenschäden.  Weiter heißt es: „Das Stadtplanungsamt Bremen hat geeignetes Gelände für die Errichtung weiterer Läger nicht mehr verfügbar. Bei der Errichtung der Läger muss weiter darauf Bedacht genommen werden, dass die Transportmöglichkeiten zwischen Gemeinschaftsläger und Arbeitsstellen vorhanden sind. In der Gemeinde Ritterhude ist ein Ödlandgelände (Am Sandberg) in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, dass sich für die Errichtung eines Gemeinschaftslagers eignen würde.“…  (1)

Der Landrat des Kreises Osterholz und die Gemeinde Ritterhude stimmten nach verschiedenen Schriftwechseln dem Bau des Gemeinschaftslagers zu. Mitte 1941 entstanden Am Sandberg 10 Mannschaftsbaracken, 1 Wirtschaftsbaracke, 1 Verwaltungsbaracke, 1 Waschbaracke und 4 Abortbaracken. Ende 1941 übernahm die Deutsche Arbeitsfront die Organisation des Lagers.

Zwischen 1941 bis 1945 wurden unter anderem ausgebombte Bremer, tschechische Zwangsarbeiter und Anhänger der Nationalsozialistischen Bewegung aus Holland  im Lager untergebracht. Hinzu kam eine kleine Anzahl von Zwangsarbeitern aus verschiedenen Ländern und 1944 wurde angedacht, Kinder von Ostarbeiterinnen in einer Baracke unterzubringen.

Autor: Manfred Bannow

Anm.:

(1) Bremer Staatsarchiv: Bestand 4,29-1-1385

Weiterführende Literatur:

Ulrich Herbert, Fremdarbeiter, Bonn 1999

Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (Hg.), geraubte Leben Zwangsarbeiter berichten, Köln 2008

 

 

 

GErnst von Bargen/Ritterhude

 

Ernst Wilhelm von Bargen/Junior

geb.: 8.1.1909

Wohnort 1938:  Ritterhude,  Hinter dem Kiepelberg 192*

Im Februar 1946 erklärte Ernst von Bargen/Senior gegenüber der Gemeinde Ritterhude, dass sein Sohn Ernst Wilhelm von Bargen von der Gestapo umgebracht worden wäre.

In der Aussage führte von Bargen aus, dass sein Sohn am 4.2.1942 von der Gestapo verhaftet worden wäre, da dieser angeblich die Arbeit verweigert hätte. Sein Sohn, so von Bargen, war u.a. bei der AG Weser beschäftigt. Eine vorzunehmende Dienstverpflichtung für den Arbeitseinsatz in Frankreich hätte sein Sohn abgelehnt. Ihm wäre durch einen Angestellten der AG Weser erklärt worden, dass sein Sohn die Arbeit verweigere und er deshalb der Gestapo gemeldet worden wäre. Weiter erklärte man ihm, dass sein Sohn nach 3-tägiger U-Haft im Bremer Ostertor ins Lager Bremen-Farge gebracht worden wäre. Die Entlassung sei für den 10.März 1942 vorgesehen. Als sein Sohn zu diesem Zeitpunkt nicht zurückkam, erfuhr er auf Nachfrage von der Gestapo in Bremen, dass sein Sohn tot wäre.  Von Bargen Junior wurde nach Aussage des Vaters auf dem Friedhof in Ritterhude beigesetzt. Dazu erklärte in einer beglaubigten Aussage von Bargens Nachbar Hinrich Poppen:

„Ich erhielt am 14.3.1942 von meinem Nachbarn Ernst von Bargen sen. den Auftrag, die Leiche seines Sohnes… aus dem städtischen Krankenhaus pathologisches Institut zu holen. Ich habe dort die Leiche, welche freilag, gesehen und festgestellt, daß die Schädeldecke genäht war. An der linken und rechten Schläfe befand sich je eine blutverkrustete Wunde von 1cm-Durchmesser.“(1)

Ernst Wilhelm von Bargen kam am 8.3.1942 im Marinegemeinschaftslager Neuenkirchen um.

Autor: Manfred Bannow

Anm: (1) Niedersächsisches Landesarchiv/Stade Rep.210-Nr.869

*Die Anschrift ist dem Adreßbuch für den Kreis Osterholz-Blumenthal aus dem Jahr 1938 entnommen

HDietrich Arfmann/Ritterhude

Dietrich Arfmann, geb. 19.11.1897

Wohnort 1938: Struckbergstr.317* in Ritterhude

 

Dietrich Arfmann schloss sich 1920 der SPD an.  1931 wechselte Arfmann von der SPD zur KPD. Ab 1933 führte er die KPD-Ortsgruppen in Ritterhude und in Osterholz-Scharmbeck in die Illegalität. Ab 1934 arbeitete er als Kurier für die KPD in Bremen und Hamburg. Im August 1935 reiste Arfmann als Vertreter des Bezirks Nordwest über die CSSR in die UDSSR, um an einer Konferenz der KP bei Moskau teilzunehmen. Aufgrund einer Erkrankung konnte er erst im November 1935 nach Bremen zurückkehren. Im August 1936 wurde er verhaftet und vom Oberlandesgericht in Hamburg/Hanseatisches Oberlandesgericht wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt. Arfmann, der nach seiner Verhaftung die übrigen Mitglieder der Ritterhuder Widerstandszelle verraten haben soll, gehörte Anfang Mai 1945 zu den Gründern des Kampfbundes gegen den Faschismus in Ritterhude. Die Bezirksleitung der KPD Bremen beschloss, dass er nicht am Neuaufbau der KPD teilnehmen dürfe. Dietrich Arfmann kam Ende Mai 1945 beim Minenräumen ums Leben. (1)

Autor: Manfred Bannow

Anm.:

(1) Niedersächsisches Landesarchiv Rep.210-Nr.1740

*Die Anschrift ist dem Adreßbuch für den Kreis Osterholz-Blumenthal aus dem Jahr 1938 entnommen.

IFriedrich Hinrich Bahlmann

 

Friedrich  Hinrich Bahlmann

geb. 30.7.1887

Wohnort: Ihlpohl 51 – (e.v. AlterPostweg)*

Fritz Bahlmann gehörte vor 1933 der KPD an und war Gemeindevertreter in Ihlpohl und Kreistagsabgeordneter. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ging Bahlmann in die Illegalität und arbeitete weiter für die KPD. Am 17.8.1933 berichteten die Bremer Nachrichten: „Vernichtender Schlag gegen die KPD in Bremen“

Dort hieß es u.a.:

„Unter den weiteren Besuchern des Hauses Glücksburger Str. befand sich auch ein Mann mit namens Haase, dessen Gesicht den Beamten der Gestapo seit langem bekannt war. War schon die Angabe des Namens Haase verfänglich, so war für die Anzweifelung der Richtigkeit seines Namens jedoch ausschlaggebend, als Haase angab, 56 Jahre alt zu sein, aber nicht schnell genug ausrechnen konnte, in welchem Jahr er geboren war. Bei dem angeblichen Haase handelte es sich um den bereits seit Monaten flüchtigen, als Hetzer übelster Sorte bekannten Friedrich Bahlmann aus Ihlpohl. Bahlmann hatte es verstanden, den Eindruck zu erwecken, daß er im Auslande sei. Postsendungen, die er an seine Frau oder sonstige Bekannte schrieb, ließ er von einem befreundeten Seemann nach Antwerpen mitnehmen, dort mit belgischen Marken versehen und in den Briefkasten werfen. Wo sich Bahlmann überall umher getrieben und welchen Schaden er in anderen Orten angerichtet hat, ist noch nicht genügend geklärt. In Bremen erschien er vor etwa 14 Tagen, wo er seit dieser Zeit von der Gestapo beobachtet wurde. … Bahlmann, der die Funktion eines Instrukteurs bekleidete, wurde festgenommen…“ (1)

Bahlmann wurde zwischen 1933/1934 im  Gefängnis Ostertor, im KZ-Ochtum-Sand und im KZ Langelüthen inhaftiert.  Nach der Haftzeit arbeitete er im Deichbau in der Gemeinde Ritterhude und zwischen 1936-1945 bei der AG Weser. (2)

Autor: Manfred Bannow

Anm.: (1) „Vernichtender Schlag  gegen die KPD“ in: Bremer Nachrichten, 17.8.1933

(2)  Niedersächsisches Landesarchiv/Stade Rep 210-Nr. 1827

*Die Anschrift ist dem Adreßbuch für den Kreis Osterholz-Blumenthal aus dem Jahr 1938 entnommen.